SVV - Selbstverletzendes Verhalten
Es ist wie ein Sog, der Dich immer wieder hinzieht, zu diesem Augenblick der schmerzlichen Erleichterung. Du siehst das Blut und es ist tatsächlich besser. Wer das noch nicht getan hat, kann dieses Gefühl auch nicht verstehen. Das soll hier aber kein Aufruf sein, es mal zu versuchen. Selbstverletzung ist keine Lösung, niemals.
Leider ist dies für mich nun auch zum Thema geworden. Ich habe angefangen mir in die Arme zu ritzen. Was habe ich dabei empfunden? Erleichterung und Ruhe. In mir hatte sich ein derartiger Druck gebildet, dass ich das irgend wie abreagieren; an mir abreagieren musste. Ich denke für mich ist es eine Art Flucht vor meinen Gedanken und Gefühlen.
Ich nehme einfach eine Schere oder ein Messer und sehe mir meine Arme an. In diesem Moment kommen die ganz starken Gefühle hoch. Enormer Selbsthass, viel Trauer und Wut. Ich setze die Schere auf und ziehe sie einmal kräftig über meinen Arm. Zu erst kommt meistens ziemlich wenig Blut, aber dann mit ein bisschen Übung fließt es so, wie es soll. Ich ritze inzwischen meist nur noch an dem Unterarmen. Erstens wird es dann nicht sofort von jedem gesehen und zweitens ist die Haut dort empfindlicher.
Sicher mag das für einige hier ziemlich nüchtern, fast analytisch klingen, wie ich es beschreibe. Aber solange ich nicht unmittelbar dabei bin, bin ich auch total entfernt davon. Dann kann ich so kühl darüber reden. Aber wenn ich dann abends alleine (wie so oft) in meiner Wohnung sitze, bin ich dann total aufgelöst. All dieser innere Schmerz darf heraus, Schmerz den ich tagsüber besser verberge, aber der mich dann eigentlich nur noch fertig macht.
Für mich ist es erleichternd, zu mindestens für den Moment. Ich bin immer seltsam ruhig danach, fast schon gleichgültig. Aber ich kriege durch das Ritzen den inneren Abstand zu meinen Problemen und zu mir selbst. Ich hasse mich dafür, dass ich das tue, denn die Narben werde ich ein Leben lang behalten, aber sie sind ebenso ein Teil von mir geworden. Und wenn es mir irgendwann einmal wirklich besser gehen sollte, denke ich an diese Zeit zurück, wo jeder Tag ein Kampf mit mir selbst war.
In einem Artikel über das Thema SVV habe ich folgendes gelesen:
„Viele der Betroffenen neigen zum Perfektionismus, sind unfähig, mit intensiven Gefühlen umzugehen und nicht in der Lage, ihre Gefühle verbal auszudrücken. Sie lieben sich selbst und ihren Körper nicht und leiden unter Umständen unter ernsten Stimmungsschwankungen. Sie greifen zur Selbstverletzung als einem Mittel, ihre Gefühle auszudrücken oder um sich selbst zu bestrafen. ... Für viele, die sich schneiden, ist das ein Ventil, den innerlich aufgestauten Druck herauszulassen. ...Welche Form der Selbstverletzung auch immer benutzt wird, bei den Betroffenen bleibt in der Regel ein Gefühl der inneren Ruhe zurück, dass allerdings nicht sehr lange vorhält, so dass dieses Verhalten immer wieder gezeigt wird, bis die eigentlichen Ursachen der Selbstverletzung herausgefunden werden und gesündere Strategien zur Problemlösung entwickelt werden.“
Ich kann es selbst noch nicht begreifen, dass ich mir so etwas antue. Aber momentan ist das für mich einfach ein Mittel viele Sachen zu kompensieren. Im Internet gibt es tausend gute Ratschläge, aber ehrlich gesagt bringen mich diese auch nicht weiter. Bei mir ist es einfach so, dass ich viel Wut und Aggressionen unterdrücke. Teilweise ist das auch Aggression gegen mich selbst. Ich sehe die Selbstverletzung auch irgend wie als Flucht vor mir selbst, als Flucht vor einer Selbsterkenntnis. Ich denke das ganze hängt auch damit zusammen, dass ich mich selbst nicht lieben und annehmen kann. Für mich ist dieser Schmerz nach dem Ritzen einfach auch eine Art Betäubungsmittel für meine seelischen Schmerzen, eine Art Druckventil dafür.
Ich weiß, dass das keine Lösung für meine Probleme ist, und dass ich mir dadurch nur noch ein zusätzliches Problem geschaffen habe. Merkwürdigerweise mache ich mir, seitdem ich mich selbst schneide, keine Gedanken über Selbstmord.
Es tut weh, aber das ist ja auch irgend wo mein Ziel. Ich versuche mit diesem Schmerz einen anderen zu übertönen, so grotesk das auch erscheinen mag, aber ich bin momentan nicht in der Lage meinen psychischen Schmerz hinauszulassen, ihn in Worte zu fassen. Also versuche ich durch SVV die Spannungen abzubauen. In einer Broschüre habe ich gelesen, das die sich selbstverletzende Person mit der Zeit reale und emotionale Verbindungen aufgibt, und sich immer mehr vor ihrer Umwelt zurück zieht. Ich weiß nicht, ob das bei mir auch so ist, aber ich denke, dass ich immer mehr darauf hin zu steuere.
Goethes Erben
Es macht mir keine Freude in meine eigene Hand zu schneiden,
rote Tränen zu beobachten, die einen kleinen Rinnsal bildend mich verlassen.
Die einzige Möglichkeit mich an mir zu rächen, zu sühnen für das was ich sprach und tat.
Ohne bewusst gehandelt zu haben. Es kommt mir vor, als hätte ich nie gelacht,
nie geweint - gelacht geweint.