Der Selbstmordversuch – ein Wunsch zu sterben? (Ein Artikel von der Site http://www.neuhland.de )

Jeder Suizidversuch erzählt uns eine Geschichte, die schon lange vorher begonnen hat. Es ist eine Geschichte von Selbstentdeckung, Selbstzweifel, von Versuchen, sich anderen verständlich zu machen, Versuchen, sich Selbst zu verstehen und dem Scheitern dieser Versuche. Es ist die Geschichte der unbändigen Wut auf andere, auf sich selbst, die erschüttert, Angst macht, unterdrückt werden muß. Es ist auch die Geschichte der Kränkung, der Nichtachtung, Verletzung und erlittenen Verspottungen der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Es ist die Tragödie der versuchten Anpassungen an die Anforderungen und Wünsche der wichtigsten Bezugspersonen, des Scheiterns dieser Anpassung und damit der Erfahrungen des „Nie-richtig-seins", „Es-nie-richtig-machen-Könnens". Es ist auch die Geschichte der versuchten Lösung, Trennung von Eltern, die bereits in den ersten Lebensjahren begonnen hat. Das Gelingen oder Mißlingen der ersten unabhängigen Schritte, der ersten Verselbständigung, die Wertschätzung, Verurteilung oder Überforderung, die weiteren Ablöse- und Trennungsprobleme, die der Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat. Die ersten Verselbständigungsversuche können dann mißlingen, wenn sie von den Eltern z.B., aus übergroßer Sorge und Angst nicht geschätzt, unterbunden oder abgewertet werden. Sie können auch dann zum Problem werden, wenn sie vom Kind gefordert wird und ihm die Rückkehr zu den Eltern und damit die Möglichkeit, neue Kraft zu tanken, verweigert wird. Dann wird sich die Bewegung der Verselbständigung nicht nach dem Rhythmus des Kindes, sondern nach den Bedürfnissen der Eltern vollziehen. Das Kind paßt sich zwar an, entwickelt aber nicht in ausreichendem Maße die innere Sicherheit seiner errungenen und gelungenen Selbständigkeit und der Wichtigkeit und Wertschätzung seiner Persönlichkeit. In den erneut und nun geballt auftretenden Anforderungen des Jugendalters bestimmen diese frühen Probleme des Jugendlichen und seiner Eltern, wie dieser Reifeabschnitt bewältigt werden kann.

Mit dem Selbstmordversuch oder der Drohung hat der/die Betroffene seine Lebensgeschichte, d.h. seine ganze Lebenserfahrung auf einen Punkt gebracht, verdichtet und zugespitzt: „Ich will nicht mehr (weiter)leben, ich will nicht mehr sprechen, nicht mehr leiden, nicht mehr verantwortlich sein, nicht mehr fühlen!" Der Selbstmordversuch zeigt nicht in erste Linie eine Todessehnsucht, sondern eine Lebensverzweiflung. Er weist auf die momentan als ausweglose empfundene Lebenssituation und die lange vorher begonnene Geschichte von Selbstzweifeln, Angst und tiefer Unsicherheit der Beziehungen hin. Es ist auch der Versuch, das „Unsagbare" auszudrücken. Der Suizidversuch zeigt den Wunsch nach Trennung und Lösung: Er zeigt auch den Haß, die unbändige Wut und Zerstörungslust. Es sagt aus: „So wie bisher, geht es nicht, anders kann ich nicht." Es ist gleichzeitig der Wunsch, dass alle Schwierigkeiten aufhören mögen, der Wunsch nach einem Ende aller Angst, Verzweiflung, der Wunsch nach Geborgenheit und Einheit mit sich selbst. Er ist ein Signal, ein Schrei, der auch sagt: „Wenn ich nicht dramatisiere, hört mich doch keiner." Es ist Erpressung und zeigt damit die Unsicherheit über die Verläßlichkeit anderer Menschen.

Selbstmordgefährdeten erscheint das Leben als das Mörderische, das Abweisende, das Abgestorbene. Mit dem Tod werden alle Lebenshoffnungen, alle lebendigen und schönen Phantasien verbunden. Der Tod soll nun das herbeiführen, was im Leben nicht erreichbar scheint, Ruhe und Geborgenheit, das Ende des Überlebenskampfes. Ein Selbstmordversuch drückt somit gleichzeitig die Verzweiflung am Leben und die Sehnsucht nach dem Leben – das anders sein möge als bisher – aus. Wenn wir die Geschichte, die zu einem Selbstmordversuch geführt hat, verstehen wollen, müssen wir mit dem Ende beginnen. Die Lebenssituation, in der/die Person lebt und in der der Selbstmordversuch gemacht wurde, enthält zusammengefaßt und in verschlüsselter Form die Bestandteile dieser Geschichte. Viele verschiedene Bedingungen sind zusammen gekommen und haben zu einer Zuspitzung der Krise beitragen. Eine davon ist der Anlaß des Selbstmordversuches, der häufig auf den ersten Blick als banal erscheint, aber den Schlüssel für das Verständnis der Problemgeschichte enthält.

Ist der Anlaß z.b. die Trennung einer Liebesbeziehung, so ist das wichtig zu nehmen, wobei gleichzeitig gefragt werden muß, wie es dazu kommen konnte, dass die Trennung lebensbedrohlich geworden ist, warum die Einstellung zu sich selbst so zerstörerisch werden konnte und wieso niemand da war, der derjenige sich mitteilen konnte, der ihn ernst genommen hätte.

Man kommt dem Problem nur näher, wenn man nach der ersten „Warum-Frage" nicht aufgibt: Warum wird ein alltäglicher Konflikt so gewaltig, welch Erinnerungen und Erfahrungen hat er wach gerufen, welchen Stellenwert hat dieser Konflikt im Leben der Menschen, der Familie, gegen wen könnte sich die Wut, der „Tötungswunsch" noch richten, wer will diesen Menschen „los sein", welcher Auseinandersetzung, welcher Wahrheit wird in der Familie ausgewichen?

Die Familie

Wie bei dem einzelnen trifft auch auf die ganze Familie zu, dass in Krisenzeiten bisher verdeckte Spannungen und Konflikte, besonders die Probleme in den Beziehungen untereinander, plötzlich und massiv an die Oberfläche kommen. Nicht nur diejenige Person, sondern die ganze Familie durchlebt die Krise. Ein Selbstmordversuch und auch die Selbstmordgefährdung zeigen, dass die Familie eine schon lange vorher entstandene Beziehungs- und Kommunikationsstörung festzustellen. Dies kann sich z.b. so auswirken, dass Probleme und Konflikte nicht mehr miteinander ausgetragen, sondern „totgeschwiegen" und „unter den Teppich gekehrt" werden. Oder in der Familie bestimmen Unsicherheit, Unverständnis oder auch Respektlosigkeit den Umgang miteinander. Unterschwellige Vorwürfe und Enttäuschung, unausgesprochener Ärger und Wut haben sich angesammelt und „vergiften" die Atmosphäre. Betrachtet man die Familiengeschichten, kann man eine gewisse Häufung von Bedingungen feststellen, die zu einem Selbstmordversuch führen können, aber nicht zwangsläufig sein müssen. Sie können sich auch in anderen selbstzerstörerischen Krankheiten einen Ausdruck verschaffen.

Zusammenfassung

Der Selbstmordversuch ist ein Versuch, in radikaler Form die Beziehungen zu anderen Menschen abzubrechen und gleichzeitig aufzunehmen. Er ist eine in sich widersprüchliche Handlung. Er ist, so seltsam das klingen mag, der Wunsch, endlich einmal frei zu leben. Da ist einerseits der Wunsch, tot zu sein, der die Sehnsucht ausdrückt, nach dem Ende aller Anstrengungen, Schmerzen und Leiden, nach Ruhe und Geborgenheit. Andererseits zielt eine solche Handlung aber immer auf das Leben und auf die Lebenden ab. Die Personen suchen nicht nur mehr oder weniger bewußt den Tod, sondern sie wollen immer auch auf jemanden einwirken, ein Zeichen setzen. Ein Selbstmordversuch oder bereits seine Ankündigung kann ein verzweifelter Hilferuf, das wirklich allerletzte Mittel sein, bei den Eltern, in einer Liebesbeziehung, einer Freundschaft etc. etwas zu verändern. Ein Selbstmordversuch kann den Sinn haben, die Familie zusammen zu halten, sie zum gemeinsamen Handeln zu zwingen. Manchmal ist es der letzte, verzweifelte Versuch, aus dem erdrückenden Wirrwarr familiärer Beziehungen und unvereinbarer Gefühle zu entfliehen. Jeder Versuch ist ernst zu nehmen, auch wenn die Mittel, die gewählt wurden, nicht zum Tode führten. Die Absicht ist es auch dann, eine selbstzerstörerische Handlung zu begehen. Einem „leichten" Selbstmordversuch, der nicht ernst genommen wird, folgen oft weitere Versuche.

Jeder Suizidversuch – aber auch die Ankündigung – zeigt, dass schwere Probleme vorhanden sind, die der Betroffene nicht mehr alleine lösen kann. Diese Probleme müssen heraus gefunden, die geeigneten Hilfen angeboten und die Probleme zusammen mit den Betroffenen bearbeitet werden. Der Umgang und die Auseinandersetzung mit selbstmordgefährdeten Menschen und deren Familien muß entsprechend der zugrunde liegenden Struktur akzeptiert und flexibel, gefühlvoll und klar, nicht verurteilend und ausgrenzend sein. Die Betroffenen sollen ihre Probleme als eigene annehmen, die Krise aufarbeiten und für sich als eine Entwicklungschance nutzen können.