Die verkannte Krankheit

1. Das Denken

"Pessimistische Erklärungsmuster sind der Kern depressiven Denkens. Eine negative Auffassung von der Zukunft, von sich selbst und von der Welt rührt daher, dass man die Ursachen für negative Ereignisse als dauerhaft, global und persönlich ansieht, die Ursachen für positive Ereignisse dagegen als zeitweilig, spezifisch und äußerlich. Ein depressiver Mensch fühlt sich für Misserfolge ausschließlich selbstverantwortlich, während er Erfolge auf das Glück oder auf den Zufall zurückführt. Zurückweisungen von  anderen verallgemeinert er schnell und fühlt sich grundsätzlich ungeliebt. Alternative Erklärungen, die nichts mit ihm persönlich zu tun haben (z.B.: "Der Chef ist heute schlecht gelaunt. Seine Stimmung hat nichts mit mir zu tun.") kommen ihm erst gar nicht in den Sinn."

2. Die Stimmung

"Zweites Kennzeichen der Depression ist die negative Stimmung: Depressive fühlen sich elend und verzweifelt. Alles, was früher Freude bereitet hat, erscheint nun plötzlich sinnlos und leer. Ein depressiver Mensch kann sich über nichts mehr freuen, er fühlt sich vollkommen leer, er fühlt sich völlig hoffnungslos, er hat seinen Glauben an sich, die Mitmenschen und - falls er ein gläubiger Mensch ist - auch an Gott verloren und ist unfähig, Entschlüsse zu fassen. (Ein trauriger oder trauernder Mensch ist zu all dem noch fähig.) Typisch für depressive Menschen ist ein "Gefühl der Gefühllosigkeit" oder auch "tränenloser Zeit"."

3. Das Verhalten

"Passivität, Unentschlossenheit und selbstmörderische Tendenzen gelten als typisch für depressive Menschen. Sie würden gerne etwas tun wollen, sehen sich dazu aber nicht in der Lage. Sie fühlen sich wie "versteinert", verspüren aber innerlich eine quälende Rastlosigkeit. Ihre Situation ist vergleichbar der eines Menschen, der von seinem Stuhl aufstehen möchte, aber von einem kräftigen Klebstoff auf seinem Sitz gehalten wird. Ein weiteres Symptom ist die psychomotorische Verlangsamung: ein depressiver Mensch spricht langsamer als ein nicht depressiver (seine Stimme hat keine Höhen und Tiefen mehr), er geht langsam, der kürzeste Weg wird zu äußersten Anstrengung. Der Depressive spürt sein gesamtes Körpergewicht, manche haben das Gefühl, sie müssten sich wie im Schlamm fortbewegen.

4. Körperliche Kennzeichen

"Und schließlich ist die Depression noch an körperlichen Symptomen zu erkennen: Sexuelle Lustlosigkeit, Appetitmangel oder Essanfälle, Schlafstörungen oder starker Schlafdrang, Rückenschmerzen, Schmerzen in der Brust- oder Herzgegend, Atembeschwerden sind typische Symptome depressiv Erkrankter.

An diesen vier Merkmalen kann man erkennen, ob ein Mensch "nur" traurig und niedergeschlagen ist, oder ob er bereits unter einer Depression leidet. Nicht alle Symptome müssen dabei gleichzeitig vorhanden sein. Doch je mehr Kennzeichen auf einen Menschen zutreffen, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er depressiv ist."

5. Denken und Handeln

"Sie wissen, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist, aber ihre große Disziplin und der starke Wille, die alltäglichen Pflichten und Leistungsanforderungen zu erfüllen, lässt ihre Krankheit für sie selbst und auch für ihre Mitmenschen nicht sichtbar werden."

Sie leiden unter Migräneanfällen oder Rückenschmerzen, wegen der sie höchstens mal zum Arzt gehen. Meistens bekommen sie dann erst mal leichte Schmerzmittel verschrieben, dann immer härtere. Doch die Medikamente helfen immer nur kurzfristig. Leicht besteht die Gefahr einer Abhängigkeit, die viele unterschätzen. Somit stellen sich dann zu den Schmerzanfällen auch noch Tablettenabhängigkeit ein. Es ist sicherlich nicht bei jedem so, aber bei vielen ist solch ein "Werdegang".

Das Symptom Appetitmangel oder Eßstörungen ist auch leider ziemlich häufig. Durch kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel und Süßigkeiten in großen Mengen erhöhen den Endorphin-Spiegel im Körper, so dass sich ein kurzfristiges Highgefühl einstellt. Andererseits kann es aber auch passieren, dass man gar nichts essen mag, vielleicht nur das nötigste, weil man ja irgend wann mal was essen muß. Appetitlosigkeit ist durchaus ein normales Symptom der Depression.

"Ich war am Ende aller Kraft, ich konnte nicht mehr - und wollte es doch eigentlich." Große Antriebslosigkeit, Reaktivität kennzeichnen depressive Menschen. Sie können sich nicht überwinden etwas neues anzufangen. Oder sie haben früher z.B. in einer Sportgruppe trainiert, aber nun haben sie keine Elan mehr sich eine neue Gruppe zu suchen. Es ist nicht so, dass sie es nicht wollen, im Gegenteil sie sehnen sich danach, aber sie können einfach nicht. Das Ergebnis ist dann, dass man gesellschaftlich verkümmert. Man "igelt" sich ein, kapselt sich von der Umwelt ab. Es hilft hier nichts, wenn man solche Sprüche wie "Kopf hoch - das wird schon wieder" oder "Reiß Dich zusammen." Im Gegenteil, solche Sätze erreichen meist nur, dass die Person sich noch mehr zurück zieht.

Hier eine Rat zu geben fällt mir schwer. Mir hat es geholfen, dass mir mein Arzt die Diagnose ohne Umschweife gesagt hat. Aber er hat mir auch die Möglichkeiten eröffnet, die ich brauchte um mit der Lösung des Problems anzufangen.