"Eigentlich wolltest Du leben...."

Copyright by Renate Salzbrenner 1998

Hinweis: Ich habe diesen Text auf der HP von Frank Wairer entdeckt. Er kann darüber auch weitere Informationen geben. Zu finden unter der URL: http://www.gunnet.de/Wairer/Suizid.html

Nachstehende der Bericht einer Mutter, deren Sohn sich das Leben genommen hat. In ihrem Buch: „Eigentlich wolltest Du leben" (Renate Salzbrenner, 1998) kommt der Verstorbene selbst zu Wort. "Christian, unser Sonntagskind, starb zwischen Pfingstsonntag und Pfingstmontag. Ihn belastete das Gefühl, zu dumm zum Leben zu sein. Er war es nicht zum Sterben. Alles gelang ihm so, wie er es geplant hatte ..."

 

Vorwort

Christian starb Pfingsten 1992 im Alter von 27 Jahren durch Freitod. Es gibt viele Gründe, warum ich über ihn schreibe.

Ich beginne damit zu einer Zeit, in der ich meine Trauer nur noch wenig nach außen tragen kann. Ich habe erfahren, daß viele Menschen nach anfänglicher Teilnahme und Vorsicht bei ihren Äußerungen bald wieder zum Normalverhalten zurückfinden. Vom Trauernden wird angenommen, daß auch er wieder der „Alte" ist oder doch endlich sein sollte. Das Schreiben ist deshalb ein Ersatz für die fehlenden Gespräche über unsern Sohn. Und die intensive Beschäftigung mit ihm soll mir helfen, seinen letzten Schritt besser zu verstehen und ihn irgendwann einmal loszulassen.

Christian selbst machte es mir möglich, seine letzten Jahre nachzuvollziehen. Als er in seinem Auto durch Abgase starb, ließ er neben sich viele Aufzeichnungen zu seinem Leben zurück. Er erwähnt darin, er wolle bei seinem Tod alles vernichten. Er hat es nicht getan. Ich werte dies als ein Zeichen, daß wir möglichst viel von seinen Gedanken – vor allem von seiner intensiven Suche nach Lebensqualität – wissen sollen.

Christians Schicksal deckt auf, in welch eine ausweglose Lage ein junger Mensch geraten kann trotz einiger menschlicher Zuwendung und der Inanspruchnahme von sozialen, kirchlichen und therapeutischen Einrichtungen, so daß ihm schließlich das Sterben einfacher als das Leben erschien.
Da Christian mein Sohn war, kann ich natürlich nicht objektiv schreiben, sondern als liebende und leidende Mutter.

Er war nicht sehr beredt, vor allem nicht bei seinen eigenen Anliegen. Deshalb will ich nachempfinden – innerhalb der mir gesetzten Grenzen –, was ihn bewegte, ihn getroffen, ihn geschmerzt und in tiefe Einsamkeit getrieben hat. Als Quelle dienen mir weitgehend seine eigenen Aufzeichnungen ...

Ich kann mich nicht darstellen, um meine Grundbedürfnisse zu stillen."

So drückte Christian seine sprachliche Befangenheit im Umgang mit anderen aus. Seine schriftlichen Aussagen dagegen liefern ein beredtes Zeugnis seines Seelenzustandes und seiner Bedürfnisse – und sie sind wichtig! Sie sind es um seinetwillen, aber auch wegen der jungen Menschen, die sich vielleicht schon auf seinem Weg befinden und sich in ihrer Zurückgezogenheit – oder in ihrer zur Schau getragenen Freundlichkeit und Fröhlichkeit – nicht als schwer gefährdet auf den ersten Blick bemerkbar machen ...

An den Schluß stellen möchte ich eine Überlegung, die mir auch am Herzen liegt:

Christians Entschluß finde ich nicht feige, sondern tapfer und tatkräftig. Er wollte ja leben, leben und nicht „dahinvegetieren" (wie er schrieb). Als ihm dies trotz aller Anstrengungen nicht gelang, klagte er nicht und schob letztendlich auch keinem außer sich selbst die Verantwortung für sein „mißratenes" Leben zu. Er sammelte seine letzten Kräfte für den Gang in den Tod, der ihm Erlösung und Frieden bedeutete.

..Ich will demnach nicht nur von der Verzweiflung und Not eines jungen Menschen erzählen, sondern ein wenig auch von seinem – über das menschliche Maß hinausreichenden – Mut .

Abschied

Zum ersten Mal machte Christian nach seinem Autounfall (der seine Beine auf Dauer schädigte) Bekanntschaft mit der „anderen Welt". Wenn er sich sehr schlecht fühlte, befiel ihn das Verlangen nach ihr. Der Gedanke an den Tod tauchte zuerst gelegentlich und dann immer häufiger auf, ganz besonders im letzten Jahr seines Lebens.

Außerdem frage ich mich, wie lange ich wohl leben werde?"

Das schrieb er zwei Jahre vor seinem Ende nieder. Damals füllte ihn noch Hoffnung aus neben den Phasen der Mutlosigkeit. Doch auch in der folgenden Zeit der Verzweiflung, der Bitternis und der Suche nach dem Tod wollte sich der Lebenswille gelegentlich durchsetzen. Inmitten hoffnungsloser und tieftrauriger Tagebucheinträge, in denen er die Welt mit ihren Menschen total ablehnte, gibt es ab und zu andere: einige wenige Einträge, die sich mit ganz praktischen Anliegen (z. B. mit seiner beruflichen Bewerbung) befassen und mit allgemeinen Lebensfragen. (Wie ich im Vorwort bemerkte: Ich glaube, der Weg in den Tod ist nicht ganz geradlinig.)

Aus Christians Tagebuch in den letzten acht Monaten seines Lebens:

Ich bin traurig und wütend, wie wenig man mir glaubt. So geht auch mir die Realität verloren. [...] Gott sei Dank kann ich beginnen, mir selbst, ohne Bestätigung von außen, Klarheit zu schaffen. Es ist schockierend, wie mein Zustand nicht ernstgenommen wird."

Ich schreibe wieder. Ich bin immer noch voll Entsetzen über mein Leben und hoffe auch irgend etwas. Ich weiß nicht, wie das alles gekommen ist. Wie soll ich weiter gehen?"

Der Tag heute: Spannend, traurig, komisch, hektisch, beruhigend, Schmerzen, müde."

Nun geb ich mir die Zeit, ein paar Gedanken von mir aufzuschreiben. Ich glaube, wenn ich mir das Leben nehme, werde ich dieses Buch und alle anderen persönlichen Dinge verbrennen. Ich kann mein Leben kaum mehr ertragen. Die Wut und das Unverständnis wachsen [...] Ich will keinen Menschen mehr sehen. Mein Tod ist fast unaufhaltsam [...] Wie ich lebe, ist sehr traurig. Ich vegetiere so vor mich hin. Habe wenig Klarheit über mich und mein Leben und will zu Gott. Es ist erstaunlich, wie egal ich meinen Mitmenschen eigentlich bin [...] Ich bin fertig. Ich könnte meinen Selbstmord auch vorziehen. Die beste Möglichkeit wäre jetzt mit Abgasen vom Auto. Wichtig wäre dabei [...]"

(Er beschreibt den ganzen Vorgang im Detail, das Organisatorische – wo, wann, wie es geschehen soll – und den voraussichtlichen Ablauf des Sterbens. Seine Angaben formulierte er nüchtern in klaren, ausgewogenen Sätzen.)

Ich will ein paar Sätze schreiben, einfach weil ich es mir vorgenommen habe, wenn ich innerlich sehr zerrüttet bin [...] Ich bin mies drauf, vertraue keinem, will nichts, wer ist mein??? Gute Nacht"

Ich habe das Gefühl, zu dumm zum Leben zu sein. Ich will sterben. Ich kenne mich nicht mehr aus, will keinen Menschen mehr sehen, bin traurig, frustriert, will weg, kein Vertrauen. Laßt mich allein. Gute Nacht Christian"

Ich will leider auch nicht mehr so einfach sterben."

Morgen habe ich mein erstes richtiges Bewerbungsgespräch. Ich bin etwas aufgeregt und gespannt, wie es klappt [...] Vision: Schöne, gemütliche, ruhige 2–3–Zimmerwohnung. Möchte nicht dauernd umziehen, will in dieser Wohnung die nächsten 20 Jahre bleiben."

(Der letzte Teil wurde von ihm durchgestrichen und ersetzt durch: „für immer bleiben". Das zeigt seine unendliche Müdigkeit.)

Der letzte Eintrag befaßt sich mit seinen Alltagsproblemen, mit weiterem Nachdenken über seine Bewerbungen, mit seiner „finanziellen Absicherung", mit der Verbesserung seiner „Lebenssituation hier und heute" (Ordnung im Zimmer halten, bequeme Kleidung kaufen), mit einem „Lebensführungstraining" und „Lebensregeln / Gewohnheiten", die er für ein ruhigeres, gemütlicheres Leben beachten wollte.

Er beendete seine Tagebuchaufzeichnungen mit dem Satz:

An meiner Seele möchte ich mich orientieren."

Orientierte er sich an seiner Seele, als er in den Tod ging? Gab ihm seine Seele ein, den Körper zu verlassen, um sich auf ewig – wie aus einem engen Käfig – zu befreien?

Vielleicht traf er aber – darüber hinaus – mit ganz klarem Verstand die Entscheidung zu gehen. Kompromisse waren nicht seine Sache, auch nicht bei dieser aller wichtigsten Angelegenheit: der Entscheidung über das Leben oder den Tod.

Seine Psychologin faßte das, was in seiner letzten Lebenszeit in ihm vorging, in Worte: „Lieber Christian, [...] danke für Deinen Brief! Ich spüre darin sehr den Kampf, leben zu wollen, gut leben zu wollen, oder aber, irgendwie aufzugeben."

... Ich schlug vor, Christians Psychologin aufzusuchen – nicht, um sie über ihn auszufragen, sondern um uns Ratschläge für den Umgang mit ihm zu holen. Ein Jahr vor seinem Freitod trafen wir mit ihr eine Verabredung. In diesem Gespräch sprach ich offen aus, was mich bedrückte: „Ich habe Angst, daß Christian sich das Leben nimmt!" Sie beruhigte uns: Sie glaube es nicht; sie kenne auch den anderen, fröhlichen Christian. Wenn er an einen Freitod denken sollte, würde er sie auch bestimmt vorher anrufen. (Ich nehme nachträglich an, daß sie diese Abmachung getroffen hatten.)

Es brauchte lange, bis Christian uns allen dieses Treffen verzieh. Er fühlte sich von seiner Psychologin, dem letzten Menschen, dem er Glauben schenkte, verraten.

... Später schrieb er wieder. Dieser Brief war der aggressivste und anklagendste, den wir je von ihm erhielten. Er beschreibt sich darin als „krank" und sagt, er „werde nun nicht besonders lange leben".

Ich war geschockt! Sofort wußte ich, was er damit ausdrücken wollte ... Wie gefährdet sein Leben war, wußte ich nun mit Sicherheit. Warum aber tat ich so wenig, um ihn zu retten? War ich zu gelähmt oder zu ängstlich, um ihn sofort anzurufen oder besser noch: gleich hinzufahren? Fürchtete ich, er würde mich abwehren oder sogar böse werden wegen der Einmischung? Hielt mich die Tatsache zurück, daß er den Brief seinem Vater geschickt hatte und ich ihn vielleicht nicht lesen sollte?

... Ein paar Tage, nachdem Christian seinen „Selbstmord" im Tagebuch festgehalten hatte, und einen Monat nach seinem letzten Brief meldete er sich plötzlich bei uns an. Ich öffnete ihm die Tür, schlang meine Arme um ihn und preßte ihn fest an mich. Er antwortete – wie immer – mit: „Ja, Mama." In seinem Tonfall drückten sich seine Zustimmung, Freude und leichte Abwehr zugleich aus. Wie konnte ich wissen, daß ich ihn zum letzten Mal umarmte!

... Gegen Abend ergab es sich, daß wir uns beide in der Küche aufhielten. Jeder lehnte sich an einen Schrank, und wir begannen ein langes Gespräch. Ich hätte ihm so gerne Essen oder einen Tee oder doch wenigstens einen Sitzplatz angeboten, aber meine Angst, er würde ablehnen und schlimmer noch, sofort das Gespräch unterbrechen, war größer. Also blieben wir beide stehen, er auf seinen kranken Beinen, und wir redeten bis in die Nacht hinein. Dabei bewegte mich beständig der Gedanke an seinen möglichen Freitod. Deshalb beobachtete ich ihn genau, achtete auf seine Worte, seine Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Ich konnte – oder wollte – aber nichts Verdächtiges entdecken. Er erzählte viele kleine Begebenheiten aus seinem Studentenwohnheim, in dem er sich wohl fühle. Mit seinem Sinn für Humor berichtete er von den Diebstählen, die leider von Studenten eines anderen Stockwerkes verübt würden; sogar sein bestes Handtuch habe man ihm schon genommen. Aber er sei schließlich der einzige gewesen, der nachts die eingeschaltete Alarmanlage gehört hätte – oder hören wollte – und aufsprang. Dazu lachte er .. „Ich lebe jetzt einfach so in den Tag hinein", sagte ich ihm. „An die Zukunft denke ich dabei einfach nicht." Er lächelte: „So mache ich es auch."

Das aller wichtigste Thema – der furchtbare Satz in dem Brief an seinen Vater – wurde weder von ihm noch von mir angesprochen.

Ein letztes Mal verbrachte er die Nacht in seinem Kinderzimmer. Am nächsten Tag verließ ich das Haus früh ... Bevor ich ging, deckte ich ihm den Frühstückstisch und legte ihm einen Zettel daneben. Wie sehr ich mich auf den Nachmittag mit ihm freue, teilte ich ihm mit. Als ich zurückkam, war er verschwunden. Ich fand auch keine liebevolle Antwort auf meinen Zettel, so wie ich es von früher her gewohnt war. „Er war so wortkarg. Plötzlich nahm er seine Sachen und brach auf." Meinem Mann war ganz unklar, was der Auslöser für Christians Verhalten war. Ob er denn über den bedrohlichen Satz in dem Brief an ihn gesprochen hätte, wollte ich wissen. Nein, er hatte gar keine Gelegenheit dazu gehabt.

Heute verstehe ich Christians Reaktion: Seiner Meinung nach haben wir seinen Hilferuf überhört! Er hoffte noch auf „irgendetwas", hatte er in seinem Tagebuch geschrieben. Seine Eltern sprachen mit ihm über technische Geräte, über Alltäglichkeiten und über ihre eigenen Sorgen. Seine Not übergingen sie. Mit größter Enttäuschung verließ er für immer sein Elternhaus.

Zwei Wochen später, am Operationstag seines Vaters, rief Christian an. Sehr sachlich und kurz angebunden erkundigte er sich nach dem Verlauf der Operation. Ich hätte gern etwas länger mit ihm gesprochen, aber darauf ließ er sich nicht ein. Trotzdem waren wir über seinen Anruf sehr glücklich. Jede Zuwendung von seiner Seite aus erweckte in uns einen – wenigstens schwachen – Glauben an die Versöhnung mit seiner Familie – und seinem Schicksal. Welcher Graben ihn bereits von uns – und der menschlichen Gesellschaft – trennte, erkannte ich nachträglich an seinem Eintrag ins Tagebuch. Er schrieb ihn nach einem Telefongespräch mit seinem Vater, den er im Krankenhaus anrief:

Heute mit Papa gesprochen, ‘Nähe’ versucht, ausgenutzt, beleidigt. Ich will nicht mehr, keine, die mich verstehen. Lebe grausam. Was ist los, bin ausgenutzt, ausgelaugt. Zerstörungswut. Ich bin in meiner Existenz geraubt und finde mich nicht ein."

In seinem eigenen Eingeschlossensein konnte er sich nicht mehr in den kranken Vater hineinversetzen, der nun auch seelisch und körperlich sehr belastet war und nur mühsam den Telefonhörer hielt.

... Bald begannen Christian und ich einen Briefwechsel. Diese Briefe unterschieden sich völlig von denen der vorhergehenden Zeit. Sie drehten sich nicht mehr um alltägliche Angelegenheiten und Probleme. Anstelle der Gespräche, die wir nicht miteinander führten, schrieben wir – zumindest einen Teil – unserer Gefühle und Ansichten in die Briefe hinein.

Im ersten Brief dieser Art, den ich an ihn richtete, wollte ich ihn durch ein Aufrütteln zu einer Verhaltensänderung bewegen. (Ich wußte damals nicht, wie wenig empfänglich er bereits für Argumente zu sein vermochte – wie weit er den mit „normal" bezeichneten Denk- und Verhaltensweisen schon entrückt war.) Ich schrieb:

Lieber Christian,

[...] Ich bin sicher, daß Du mit Deinen laufenden Anklagen [...] nie zu einem glücklicheren Leben kommen kannst. Du bist indessen ein erwachsener Mensch und haftest schon lange für Dein eigenes Leben. Nur, wenn Du endlich bei Dir selbst beginnst, wirst Du zu einem wirklichen Leben finden [...]

In Liebe Deine Mama"

Selten hatte ich in dieser „belehrenden Art" zu ihm gesprochen, und besonders wohl fühlte ich mich nicht dabei. Zu meinem Erstaunen erwiderte er mir auf eine Weise, die mit dem Inhalt meines Briefes direkt nichts zu tun hatte. Er entnahm anderes, vielleicht eine echte Hinwendung zu ihm, meinen Worten:

Liebe Mama,

hier nun die Antwort auf Deinen Brief. Ich finde es gut, daß Du versuchst, ehrlich zu sein [...] Wann willst Du Dich ernsthaft meinen Fragen stellen? Tschüs Christian"

Ich antwortete ihm bald:

Schreibe mir bitte, lieber Christian, alles, was Du mir ehrlich schreiben möchtest, was ich an Dir falsch gemacht habe und wo ich zu Deinem Kummer beigetragen habe, denn ich möchte mit Dir ehrlich und ernsthaft reden [...] Ich fühle sehr, welche seelischen und körperlichen Schmerzen Du hast, mein lieber Junge, und mir tut es weh, daß ich nur hilflos daran denken kann [...]"

Er setzte den Dialog fort:

Es gibt nur einen Punkt, den ich Dir übel nehme [...]" und er beklagt sich, daß ich / wir ihn in seiner Zeit zu Hause zu oft gestört und „beständig" etwas von ihm gefordert hätten.

Beendet wurde dieses „Gespräch" über unser Verhältnis mit meiner schriftlichen Bitte, mir das, was ich bewußt oder unbewußt an ihm falsch gemacht hätte, zu verzeihen. Das war vier Monate, bevor er aus dem Leben schied.

Sein Vater hatte ihm schon lange vorher ähnliches geschrieben:

Ich erwähne die Konflikte nur, weil ich mich nämlich für meinen Schuldanteil daran mal richtig entschuldigen möchte."

Christian mußte auf ein Zugeständnis der Verantwortlichkeit seiner Mutter ihm gegenüber länger warten. Vielleicht behandelte ich ihn viel zu lange zu ausweichend und – in seiner Auslegung – zu oberflächlich und nicht ganz ehrlich. Durch seine Briefe zwang er mich zu einer Stellungnahme. Damit gab er sich zufrieden und versöhnte sich mit uns. Nun konnte er wirklich Vater und Mutter „verlassen". Es war ein Teil seines endgültigen Abschieds.

In einem seiner Briefe bekannte mir Christian:

Du schreibst, daß Du Dein ‘Herz vor Verbitterung und Aggression’ schützen kannst. Mir gelingt das schon seit vielen Jahren nicht mehr."

... Als wir Ostern nach England flogen, riefen wir ihn vorher extra an: „Willst du nicht mitreisen? Wir können es einrichten, daß es nicht so anstrengend für dich wird." Christian zeigte kein Interesse.

Er rief uns – ganz überraschend – bei unsern Freunden in England an. Das war am Karfreitag. Seinem Vater gratulierte er zu seinem Geburtstag. Mich verwunderte, daß er auch auf ein Gespräch mit mir bestand. Seine Stimme hatte einen sanften und ruhigen Klang – ganz wie beim „alten" Christian. Später erfuhr ich: Er wollte uns eigentlich „lebewohl" sagen. In seinem Taschenkalender fanden wir für den Ostersonntag die Notiz: „Abschied". Wer weiß, warum er den Termin – noch einmal – verschob? War er vielleicht so rücksichtsvoll und wollte unsere Englandreise nicht jäh unterbrechen? Seine Psychologin, der er seine Absicht kurz danach anvertraute, gratulierte ihm auf einer Karte zu seinem „2. Geburtstag". Und sie erinnerte ihn an seinen eigenen einstigen Ausspruch: „Das Leben ist ein ganz großes Geschenk für mich."

Nach Erhalt dieser Karte mit seiner früheren „Hymne an das Leben" verbrachte er noch drei Wochen auf der Welt. Sie gestalteten sich zu einem letzten verzweifelten Kampf um sein menschliches Dasein, von seiner Seite aus und von der seiner Psychologin. Sie bemühte sich um ihn, ohne uns – die wir zur echten Hilfe nicht oder nicht mehr imstande waren – einzuschalten und ohne Anwendung von Maßnahmen, die ihm seine Würde und seinen Willen geraubt hätten (diese Einsicht fiel mir anfangs nicht leicht). Ihre Methode war nicht die einer Belehrung. Sie schrieb ihm statt dessen eigene Aussagen auf aus früheren Zeiten, als er noch abgewogener und optimistischer dachte, wie:

Mir ist jetzt besser bewußt, daß ich manchmal nicht mehr leben will und gerne lebe, mein Leben plane. Ich kann jetzt, glaube ich, besser annehmen, daß ich auch mal frustriert und traurig bin. Und außerdem werde ich mit meinen Knien leben können und meinen Weg gehen."

Sein Einsatz für die „Seite des Lebens" waren jetzt zwei Beratungsgespräche in der Woche und die zusätzliche Teilnahme an einer dreitägigen Psychodrama-Sitzung.

In der verbleibenden Lebenszeit hatte er noch vieles zu bewältigen. Vor allem wurde sein Tageslauf von nun an durch seinen Beruf bestimmt. Er liebte seine Tätigkeit nicht – ihm war einfach keine andere Wahl geblieben –, aber er füllte sie mit Pflichtbewußtsein aus. Schon früh mußte er die weite Fahrt zu seiner Arbeitsstelle antreten, da er noch im Studentenwohnheim lebte. Er entwarf zahlreiche Inserate für die Suche nach einer Zweizimmerwohnung in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Die Anzeige schickte er nicht ab: Wie sollte er denn eine ruhige, nicht weit entfernt liegende Wohnung zu einem Preis, den er bezahlen konnte, finden!

... Bereits ein Jahr vorher hatte er noch einmal alte Plätze besucht, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Er machte Fotos von dem Spielplatz, auf den er als Jugendlicher sich oft zu Gesprächen mit Annette zurückzog, von den Weihern, auf denen er Schlittschuh fuhr, von der Straße, die zu einer besonders geschätzten Freundin führte, von dem Haus, in dem er für eine Weile mit seiner Schwester lebte. Wichtige Stationen seines Lebens ließ er an sich vorüberziehen, so wie es im Zeitraffertempo bei Sterbenden geschieht. Vielleicht war er sich damals seiner Absicht nicht bewußt. In seiner allerletzten Lebenszeit suchte er ganz sicher mit Bewußtsein noch einmal die Städte auf, die ihm besonders nahe lagen: seine Geburtsstadt Frankfurt und Erlangen, die Stadt seiner Jugendjahre.

Für den Abschied von seinen Eltern wählte er die passenden Tage aus: den Muttertag und den Vatertag.

Hallo, hier ist der Christian", begrüßte er mich – so wie es seine Gewohnheit war – am Muttertag in einem warmen und herzlichen Ton. „Ich möchte dir zu deinem Ehrentag gratulieren." Er erkundigte sich nach meinem persönlichen Befinden: „Was macht dein Arm?" (Ich hatte für eine Weile Armbeschwerden.) „Wie geht es mit deinem Studium?" (Ich wollte mir den alten Traum eines zusätzlichen Studiums erfüllen.) Er, der selbst allen Zuspruch gebraucht hätte, tröstete mich: „Mach dir nichts draus, wenn es nicht klappt. Ohne das alles, was dazwischen gekommen ist, hättest du es bestimmt geschafft." Ich fragte nach seinen Knien. „Sie sind geschwollen und tun oft weh." Das sagte er ohne Klage, einfach so, als sei es eine ganz natürliche Tatsache. Jetzt erwähnte er auch – zum ersten Mal – das Mittel aus dem Weihnachtspaket. „Wenn ich Schmerzen habe, benutze ich es." Daß ich bei diesen Worten nicht endlich mißtrauisch wurde! Aber es war einfach zu verlockend, an den „neuen" Christian zu glauben. (Beim Ausräumen seines Zimmers fand ich die unangebrochene Flasche.)

Am Vatertag rief er von Holland aus an. Er hatte sich ein kleines Zelt mit Zubehör gekauft und war am langen Himmelfahrtswochenende an die holländische Küste gefahren. („Dort war er sehr glücklich", erzählte uns seine Psychologin am Tag seiner Beerdigung. Er hatte sie angerufen. Am Fronleichnamswochenende – das er nicht mehr erleben sollte – wollte er wieder hinfahren.) Ich hob den Hörer ab und nahm das gewohnte „Hallo, hier ist der Christian" entgegen. Sein Vater hielt sich gerade im Badezimmer auf. So blieb Zeit für eine kurze Unterhaltung mit mir. Christian berichtete mir von seiner Reise. „Bist du allein?" wollte ich wissen, von der winzigen Hoffnung erfüllt, er habe vielleicht einen Menschen für gemeinsame Unternehmungen gefunden. Er war allein.

... Es war ein langer Weg für ihn, um mit dieser Gelassenheit und Versöhnlichkeit von seinen Eltern Abschied zu nehmen. Schon zwei Jahre vorher stand in seinem Tagebuch:

Ich will Mutter und Vater verlassen, und ich will die Schuld an meinem Ergehen nicht mehr auf die Verhältnisse, in denen ich aufgewachsen bin, schieben."

Wenn ich mit [meiner Psychologin] rede, möchte ich ihr sagen, daß ich nicht die Schuld meinen Eltern geben will. Das tut mir etwas leid, daß ich sie so ‘anklage’. Ich will Mutter und Vater verlassen."

Nach seinem letzten Anruf lebte Christian noch elf Tage. Wie verbrachte er sie?

An den Wochentagen fuhr er zu seiner Arbeitsstelle und tat seine Pflicht. Am letzten Freitag hatte er den Auftrag, als Auszubildender ein Referat zu halten. Er trug es sprachlich gewandt vor, zeigte fachliches Wissen und lockerte den Vortrag durch humorvolle Bemerkungen auf. Dafür erhielt er vom Ausbilder und anderen viel Lob.

... Von seinem Konto holte er sich 200 DM. Sein Entschluß zu sterben stand nun wohl unwiderruflich fest. Von diesem Geld kaufte er sich die Ausrüstung für sein Auto, um die Abgase einzulassen.

Am Pfingstsonntag wurde er am Nachmittag ein letztes Mal von den Mitbewohnern des Studentenheims gesehen, als er sich mit dem Kühlschrank der Gemeinschaftsküche beschäftigte. Gesprächsthema war das geplante Fest am Pfingstmontag. Christian zog sich in sein Zimmer zurück und notierte alle ihm wichtigen Adressen und Telefonnummern unter dem Vermerk: „Bitte unbedingt verständigen". Zuerst schrieb er die Angaben des Kriminalbeamten auf, der ihn vor drei Monaten besuchte hatte und ihn nicht für suizidgefährdet hielt. Dann folgten seine Eltern, seine Psychologin, sein Anwalt und schließlich sein Arbeitgeber. Alles war übersichtlich geordnet in einer klaren, festen Schrift. Den Zettel steckte er in einen Umschlag, den er zweimal beschriftete, zuerst in recht unleserlicher Schreibschrift (hatte ihn seine Ruhe verlassen?) und dann aber sehr deutlich in Druckschrift: „Für den Abschied".

Am späten Abend tankte er sein Auto auf. Bis zu dem erwählten Platz brauchte er etwa fünfzehn Minuten. Der ganze Juni dieses Jahres war ein strahlender, fast wolkenloser Sommermonat, wie man ihn selten erlebt. Er hatte sich eine ländliche Gegend ausgesucht. Auf einem schmalen Feldweg fuhr er bis an den Waldrand und stellte sein Auto noch ein Stück in den Ausläufer eines Getreidefeldes hinein. Vor dem Wald wucherte hoher Farm. Die nächsten Wohnhäuser lagen weit entfernt. Stille und Einsamkeit bot ihm dieser Platz – ein vorweggenommenes Stückchen des großen Friedens, dem er entgegenging.

Er war technisch geschickt, und das Legen des Schlauches vom Auspuff ins Wageninnere wie die übrigen Maßnahmen werden ihn trotz der Dunkelheit nicht viel Zeit gekostet haben. Alles führte er genauso aus, wie er es lange vorher in seinem Tagebuch festgehalten hatte. Auf den Beifahrersitz legte er seine Tagebücher und andere wichtige Unterlagen aus seinem Leben, dazu den Umschlag mit dem Vermerk: „Für den Abschied". Als alles vorbereitet war, nahm er den Parkausweis des Studentenwohnheimes, um auf dessen Rückseite seinen Eltern einen Abschiedsbrief zu schreiben. Es entstand der traurigste und wertvollste Brief in unserem Leben:

Liebe Mama,

ich hoffe, Du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich habe Euch sehr lieb."

Ähnliches schrieb er seinem Vater. Zuletzt bat er noch mal inständig:

Bitte, bitte verzeiht. [ganz dick unterstrichen] Ich habe Euch lieb Euer Christian"

An der Seite war ein kleiner, leerer Platz geblieben. Er kannte uns besser als wir ihn und wußte um unsere kommenden Schuldgefühle. Um uns zu entlasten, vermerkte er hier, daß er sich sein Leben ganz allein verdorben habe.

Aus ihm war ein erwachsener, reifer Mann geworden, der die Verantwortung für sein Leben und seinen Tod selbst übernahm. Damit vergab er uns allen: seinen Eltern, seiner Schwester, seinen Freunden und Freundinnen und auch dem Freund, mit dem er den Unfall erlebte. Und er gab uns eine Chance zum Weiterleben!

In einem zweiten Brief bat er seine Psychologin um Verzeihung für seinen Entschluß, und er dankte ihr dafür, daß er sie eine Weile „haben" durfte. Zum Schluß bat er sie: „Bitte, bitte, kümmere Dich um meine Eltern!" Vor einem Jahr war er noch sehr böse und enttäuscht über den Kontakt zwischen uns gewesen. Jetzt vertraute er ihr ganz persönlich seine Eltern an. Alle Ängste und Aggressionen waren von ihm gewichen.

Den Fahrersitz seines Autos richtete er sich in einer bequemen Lage ein. Er stellte den Motor an und legte sich – in Schlafhaltung – zurück. Seine Brille behielt er auf. Vielleicht wollte er – bis zur Bewußtlosigkeit – seinen klaren Blick behalten. Ob er die Hände faltete? (Leider wurde uns nicht die Möglichkeit gegeben, die Menschen, die ihn fanden, zu befragen.) Das Geräusch des laufenden Motors störte die große Stille. Mag sein, daß er es nicht so empfand. Den Motorlärm und den Gestank der Abgase mir ihrer verheerenden Wirkung mußte er als letzte Produkte dieser Welt annehmen.

Christian, unser Sonntagskind, starb zwischen Pfingstsonntag und Pfingstmontag. Ihn belastete „das Gefühl, zu dumm zum Leben zu sein". Er war es nicht zum Sterben. Alles gelang ihm so, wie er es geplant hatte. Um die Mittagszeit des Pfingstmontags entdeckten ihn Spaziergänger. Sie benachrichtigten die Polizei. Mein Mann nahm ihren Anruf entgegen. „Er hatte ein friedliches Gesicht", tröstete uns der Polizeibeamte. Wir glaubten ihm.

 

Ein Juniabend
wie ihn Pärchen ersehnen,
wohlig und warm.
Goldene Glitzerfäden
durchziehen die Luft,
ein Geschenk des Himmels
eigens zum Pfingstfest.
Die Vögel träumen
vom Sonnenstrahl
des kommenden Morgens.
Sterne beleuchten Dir
Deinen Weg.

Da geschieht es:
Du sagst ade
den Pärchen,
den Vögeln,
magst den Morgen
nicht mehr begrüßen,
trägst Deine Seele
ins Endlose fort.

Und mit Dir
nimmst Du das Gold
aller Sommer.
Nichts ist mehr wie es war.

Renate Salzbrenner