Einmal Abgrund und zurück" – so hiess ein Stern Leitartikel der Ausgabe Nr. 49 vom 29.11.2001.

 

Sie ist eine der leidvollsten Krankheiten, doch selbst von Ärzten wird Depressionen oft verkannt. Die Angehörigen fühlen sich meist hilflos. Kompetente Begleitung kann helfen und Leben retten." (Aus Stern Nr.49, 29.11.2001)

 

Als ich das Titelblatt des Stern las, mußte ich unwillkürlich grinsen. Aber eigentlich war mir auch gar nicht zum Lachen zumute. Ich persönlich finde diesen Artikel ganz gut, es hört sich hier auch alles so einfach und leicht an. Ich will damit auf keinen Fall der Person, über die im Artikel geschrieben wird auf die Füße treten. Es ist nur meine ganz persönliche Ansicht zu diesem Fall.

 

Es wird hier über die Beziehung der Betroffenen zu ihren Familienmitgliedern geschrieben, über die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrem Mann und zu ihrer Tochter.

 

Es verging kein Tag, an dem wir nicht etliche Male telefonierten. Sie rief an, bevor ich ins Büro ging, und wenn ich nach Hause kam, hörte ich es schon wieder klingeln. Manchmal war ich so erschöpft von diesen Gesprächen, dass ich einfach nicht mehr rangegangen bin. … Aber wenn sie nicht anrief, war es noch schlimmer, denn ich hatte Angst, dass sie sich etwas antun würde. Es war schwer zu ertragen, dass sie keine Hoffnung mehr hatte…. Ich sehne mich nach einer Zeit der Ruhe." (Aus Stern, Nr. 49, 29.11.2001)

 

Ich denke es werden leider bei einer solchen Erkrankung die Angehörigen zu sehr vergessen. Zu oft wird auf Ihre Bedürfnisse keine Rücksicht genommen. Sie sehen tagtäglich, wie ihre Lebenspartner, ihre Kinder oder ihre Eltern langsam zugrunde gehen. Bevor ich im August in die Klinik nach Malente ging, war ich körperlich so am Ende, dass mir schon die kleinste Anstrengung den Atem nahm. Ich war nicht nur seelisch am Ende, sondern auch mit meiner physischen Kraft. Hinzu kommen dann noch die Symptome der Krankheit, dass man sich in so einem Moment nicht wirklich in der Lage sieht, etwas dagegen zu unternehmen. Und die Angehörigen stehen dem hilflos gegenüber. Viele haben auch keine Kenntnis von der Krankheit, oder wenn sie davon wissen, dann haben sie keine Ahnung, wie sie mit diesem Menschen umgehen sollen. Die Angst etwas falsch zu machen ist immer da, den anderen dann durch irgend welche Reaktionen noch tiefer in eine Depression hineinzustürzen. Gerade der Lebenspartner hat darunter zu leiden. Der Depressive entzieht sich ihm, nicht bewußt, aber das bringt das Krankheitsbild mit sich.

 

Manchmal zuckte sie schon zurück, wenn ich nur ihren Arm berühren wollte." (Aus Stern, Nr. 49. 29.11.2001)

 

Ich kenne das selbst von mir zu gut. Mein Freund hat am meisten unter meiner Krankheit zu leiden, aber er hält tapfer durch, obwohl ich es ihm nicht immer gerade leicht und einfach mache. Aber er versucht mich dann so gut wie möglich zu verstehen.

 

Ich sehe mich selbst meist ja nicht mal selbst in der Lage ihm zu erklären, warum ich mich in dem Moment, wo er mich berührt total verkrampfe. Es hat nicht mit seiner Person zu tun, er ist mir unheimlich wichtig, und ich will ihm damit ja auch nicht wehtun. Aber ich reagiere, bzw. meine Krankheit reagiert dann in dem Moment. Es tut mir im gleichen Moment dann auch wieder leid. Aber ich kann nicht sagen, warum ich so reagiere. Ich spüre nur, dass ich das dann in dem Moment nicht will. Ich hasse mich selbst dafür in dem Augenblick, weil ich spüre, dass ich meinem Freund weh tue, und es mir dann aber auch nicht damit gut geht. Ich entwickle dann leicht Schuldgefühle, weil ich ihm nicht ddann nicht das zurück geben kann, was er mir die ganze Zeit gegeben hat und auch noch gibt.

 

Am schlimmsten ist es dann für Angehörige, wenn der Depressive sich mit Suizidgedanken beschäftigt. Man sollte diese „Hilfeschreie" ernst nehmen, auch wenn der Betroffene die Sorgen des anderen ständig abwehrt. Mein Freund hat so viel Verständnis für mich, steht mir immer bei, selbst als ich diesen Unsinn mit meinen Tabletten gebaut hatte. Aber all das ist keines falls selbstverständlich.„Sie nahm ihr die Freude am Leben, die Hoffnung, je wieder froh zu sein, und fast all ihren Mut. Doch wie erklärt jemand, der in dieser Leere gefangen ist, seinen Zustand den Mitmenschen? Von den meisten Gesunden wird die Depression so wenig ernst genommen, wie ein Frühjahrsschnupfen." (Aus Stern Nr. 49, 29.11.2001)

 

Viele verstehen einen Depressiven nicht, sie schieben es auf schlechte Laune oder sie tun es z.B. bei den Frauen damit ab, dass sie ihre Periode hat. Sicher spielt letzteres auch mit rein, aber das ist bei weitem nicht der Hauptgrund. Die „Gesunden" können die Krankheit nicht greifen, weil man sie ja nicht sieht, sie haben eher Angst davor. Auch wird das Problem heutzutage bei den meisten Ärzten nicht erkannt oder gar schlimmer nicht ernst genommen. Oft fehlt ihnen einfach das nötige Wissen, um ihre Patienten nicht in der Depression allein zu lassen. Ich hatte das Glück, dass ich einen guten Allgemeinarzt erwischt habe, der sich mit diesem Thema auseinander gesetzt hatte. Ich habe so oft die erst Zeit vor meiner Therapie in der Klinik in Tränen aufgelöst vor ihm gesessen. Ich war im Grunde zu nichts mehr fähig. Er wollte mich ständig krank schreiben, aber ich wollte weiterhin zur Arbeit gehen. Ich wollte meinen Kollegen gegenüber und auch mir selbst nicht eingestehen, wie weit es mit mir durch meine Krankheit gekommen war. Auch hatte ich Angst durch den längeren Krankheitsausfall meinen Job zu verlieren. Aber irgend wann war ich dann körperlich so am Ende, dass ich eigentlich nur noch wie ein Schatten meiner Selbst aussah. Erst dann gab ich mich geschlagen. Vorher hatte ich allerdings noch mit meinem Chef gesprochen, mit ihm alles abgeklärt und er hat mir eine Vertretung für ganze 3 Monate besorgt. Ich habe auch ihm viel zu verdanken, jeder andere hätte mich wahrscheinlich schon bei den ersten Anzeichen gefeuert. Aber da stand er hinter mir und hat mich wahnsinnig unterstützt. Er hat mir sogar zugesichert, dass es kein Problem wäre, wenn ich im Juli 2002 wieder für 6 Wochen in die Klinik könnte.

Etwa 15% der schwer Depressiven bringen sich um. … Wer wäre schuld gewesen, wenn sie tatsächlich schluss gemacht hätte? Sie selbst, weil sie sich nicht zusammen reißen konnte, obwohl sie doch Verantwortung … hat? Der Psychiater, der es unterlassen hatte, sie in eine Klinik einzuweisen? Oder ihre Familie und Freunde, die vielleicht doch nicht genug auf sie aufgepaßt haben? Angehörige stehen den diffusen Qualen meist hilflos gegenüber und fühlen sich doch verantwortlich. Wie hilft man jemandem, der körperlich ganz gesund wirkt und doch trotzdem nicht einmal die Kraft hat, morgens aufzustehen?" (Aus Stern Nr. 49, 29.11.2001)

 

Das ist das Problem, dass sich Freund, Mutter und die ganze Familie sich verantwortlich fühlen, aber je mehr sie versuchen zu einem vorzudringen, um so mehr macht man dicht. So ist bei mir zumindestens, da ich meist auch versuche, dass zu verdrängen. Wir sind heutzutage noch viel zu wenig über diese Krankheit aufgeklärt. Eine Hilfe kann dabei auch, die Website Kompetenznetz Depression sein. Oft ist es auch ein langer Weg zur Psychotherapie, ein Kampf mit den Krankenkassen, kann oft bis zu 3 Monate, oder sogar noch länger dauern. Bei mir hat es 1 Monat gedauert, bis die Krankenkasse meinen Klinikaufenthalt bewilligte. Aber auch davor habe ich Angst gehabt, aber man sollte nicht bei solch einer Therapie gleich an die Psychatrie denken, Psychosomatische Kliniken sind vollkommen offen, und man kann die Therapie jederzeit auf eigenen Wunsch abbrechen und nach Hause fahren. Für mich war dieses Wissen eine ungeheure Erleichterung.

 

Professor Hans-Ulrich Wittchen vom Max-Planck-Institut in München gab folgende Tips für Angehörige:Kranke brauchen das Gefühl, dass ihr Leiden, ihre Gefühle und Probleme akzeptiert werden. Ablenkung ist wichtig. Man sollte Depressive zu kleinen Unternehmungen ermutigen, aber nicht zu viel von ihnen fordern, denn sie sind kaum belastbar. Depressive brauchen so viel Unterstützung und Geduld wie möglich; die Angehörigen sollten es vermeiden, ihnen die eigene Traurigkeit und Hilflosigkeit angesichts des Leidens allzu oft zu zeigen. Vorwürfe sind fehl am Platz. Die Krankheit hat Schuld, nicht der Depressive. Selbstmordandeutungen sind unbedingt ernst zu nehmen, der Arzt oder Therapeut muss informiert werden – wenn möglich durch den Kranken, notfalls aber auch durch Angehörige."

 

Antidepressiva sind neben der Psychotherapie das wirksamste Mittel. … Sie bringen den Stoffwechsel im Kopf wieder ins Lot,…Serotin-Wiederaufnahmehemmer wie Prozac, Trizyklische Antidepressiva … wegen teils störender Nebenwirkungen wie Verstopfungen, Mundtrockenheit und Schwindel verringern manchmal die Patienten die verordnete Tablettendosis oder setzen das Medikament heimlich ab. Johanniskraut mit dem Hauptwirkstoff Hyperforin mit einer Dosis von 500 – 1000 mg pro Tag. Das Mineral Lithium ist zur Vorbeugung vor Rückfällen. Eine Nebenwirkung: 20% der Patienten nehmen zu. Frühestens 14 Tage nach Behandlungsbeginn kann sich die Stimmung aufhellen." (Aus Stern Nr. 49, 29.11.2001)

 

Wichtig ist es vor allem, dass man diese Medikamente regelmäßig nimmt, und diese nicht ohne Wissen des behandelnen Arztes absetzt. Wenn man sie einfach so absetzt, dann verliert der Wirkstoff in den Medikamenten seine Wirkung, und es geht einem schlechter. Ich habe bei mir allerdings eine gefühlsblockierende Wirkung festgestellt. Das heißt, dass ich meine Empfindungen und Emotionen kaum noch spüre und sie nicht mehr einordnen kann. Selbst nach 14 Tagen sollte man nicht mit einer 100%-tigen Besserung rechnen. Es dauert manchmal Monate oder Jahre bis die Seele wieder ins Gleichgewicht kommt. Meine Therapeutin hat mir 3 – 4 Jahre in Aussicht gestellt. Nicht gerade ermutigend, aber ich denke, dass man sich diese Zeit auch geben muß und vor allem nicht die Hoffnung darauf aufgeben sollte, dass einem wirklich irgend wann besser geht.

 


 

Rat und Hilfe

 

 

Internet

 

 

www.kompetenznetz-depression.de

 

Informationen und Rat für Betroffene und Angehörige, Austauschmöglichkeiten über ein Forum, Links

 

www.kiss.de

 

www.buendnis-depression.de

 

Online Angebot des Nürnberger Bündnisses gegen Depressionen

 

Literatur:

 

Günter Niklewski, Rosi Riecke Niklewski – „Depressionen überwinden" ca. 15,- Euro

 

Beratung:

 

NAKOS: Selbsthilfegruppen 030/8914019

 

Psychotherapeutischer Notdienst: vermittelt kostenlos Therapeuten 0228/746699