Dies ist ein Artikel, den mein Psychiater Herr Dr. Christoph Domagalski verfasst habe. Aufgrund seiner freundlichen Genehmigung, darf ich diesen hier veröffentlichen. Ich war 8 Wochen in der Tagesklinik bei ihm in Behandlung. Erste Besserung danach konnte ich schon spüren, aber auch die Erkenntnis, das vor mir noch ein sehr langer Weg liegt. Ich bin meinem Doc sehr dankbar für die vielen Gespräche im therapeutischen Bereich, möchte mich aber auch sehr für die vielen teils philosophischen und interessanten Ansätze unserer Gespräche bedanken.
Borderline - Tanz auf dem Drahtseil
Als Therapeut, der seit Jahren in seiner Arbeit Imaginationen, Metapher, Tagträume und Sprichwörter nutzt, habe ich mir vor langer Zeit ein Bild vorgestellt, das mir half, Borderline-Menschen besser zu verstehen.
Stellen Sie sich ein Drahtseil vor, das zwischen dem Turm der Vergangenheit und dem Turm der Zukunft aufgespannt ist. Statt Türme können es auch Gebäude sein: der irrealen Wahrnehmung und der Realität. In der Mitte balanciert auf dem Drahtseil ein Mensch. Mit Mühe kämpft er um das Gleichgewicht: zwischen zwei gegensätzlichen Gefühlen, zwischen Panik, er fällt gleich runter; und Euphorie, der ist immer noch oben.
Hinter seinem Rücken ist die dunkle grausame Vergangenheit, vor seinen Augen eine Zukunft voller Angst. Und weil er auch um sein Leben kämpft, suchen ihn oft Gedanken auf zu sterben. Aufzugeben. Endlich seine Ruhe zu haben.
Und wenn er nicht in der Lage ist, länger das Gleichgewicht zu halten, ruft er nach Hilfe. Ruft laut und dramatisch. Nach den anderen Menschen. Er erzählt allen die kommen, über sein Schicksal und seine Lage. Ohne diese Menschen würde er ganz alleine und einsam. Und das macht ihm die grösste Angst. Also klammert er an die Personen, die um ihn sind und versucht alle Mittel einzusetzen, um zu verhindern, dass diese Menschen ihn verlassen. Die meisten Begleiter aber versuchen sich dem zu entziehen, weil sie diese emotionale Instabiliät nicht aushalten können und den Erwartungen des Rufenden nicht gerecht sein können.
Unser zwischen der Irrationalität und Rationalität verweilende Mensch ist nicht in der Lage, das Drahtseil zu verlassen, um dem Menschen, die ihm nah geworden sind, zu folgen. Nur Menschen, die ihm ähnlich sind, können länger bei ihm bleiben. Das führt aber meistens dazu, dass der Tanz immer schwieriger wird. Und die Beziehung immer stürmischer.
Diejenigen, die das Wirrwarr der Emotionen nicht verstehen oder nicht aushalten können, müssen sich, auch um die eigene Gefühlswelt zu schützen, in Sicherheit bringen. Das kann der Borderline-Mensch wiederum nicht verstehen und erlebt diesen Rückzug als Trennung. Er fühlt sich wieder verlassen.
Diese Situation, diese fortlaufende Erfahrung ist ihm nicht fremd. Es wiederholt sich unzählige Male im Laufe seines bisherigen Lebens. Er fühlt sich erneut verlassen, gemieden oder abgelehnt. Das gute bekannte Misstrauen kommt wieder. Trotzdem wird er immer wieder versuchen. Immer wieder wird ihm Vertrauen geschenkt und zurückgezogen.
Und sein Platz auf dem Drahtseil wird weiter der einzigste Ort bleiben, der seinen Gefühlen bekannt ist. Dies erlaubt ihm, die Verantwortung für seine Lage den anderen zu überlassen, es erlaubt ihm, sie selbst nicht zu übernehmen. Bei einer Probe, die Verantwortung doch zu übernehmen, kommen Schuld- und Schamgefühle hoch, das Selbstwertgefühl landet im Keller. Das wiederum bringt unseren Drahtseiltänzer aus dem Gleichgewicht, und wir haben es mit einer Krise zu tun.
Auf der Suche nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit wird er zum Sklaven von Menschen, Suchtstoffen oder eigenen Verhaltensmustern (wie z.B. Selbstverletzendes Verhalten), die er einsetzt trotz unzähliger Niederlagen. Er erreicht immer wieder das Gegenteil von dem, was er braucht oder sich wünscht. Mehr Angst, Abhängigkeit, Druck und Aggressivität. Ein Borderline-Mensch ist ständig hungrig, hat Appetit auf alles, was Stabilität, Gleichgewicht, Gelassenheit, stabilies Ich-Bild und Geborgenheit verspricht. Eine tragbare Beziehung, die das alles bietet, bleibt ein unereichbares Ziel. Es bleibt nur Kampf. Oft fließt dabei Blut, meistens eigene, aus Wunden, die er sich selber zufügt, um die Kette von inneren Schmerzen, Leid und extremen Emotionen zu sprengen.
Zum Glück ist das alles nur die eine Seite, die dunkle der Medaille. Es gibt noch die weisse Seite. Die kann sehr farbig sein. Der Borderline-Mensch hat viele versteckte Talente und Begabungen. Kann sehr erfolgreich sein in einem passenden Beruf. Besitzt eine enorme Anziehungskraft, die ihm wieder Gefolgschaft besorgt. Er ist kein Ottonormalverbraucher von der Stange. Seine Persönlichkeit erlaubt uns, die mit ihm zu tun haben, selber starke Emotionen zu spüren und schöne Momente zu erleben. Oft dank seiner Kunst über Sachen zu sprechen, zu schreiben oder zu malen, über die wir uns selten Gedanken machen.
Helden des Drahtseil-Daseins überraschen uns oft und bringen Freude mit seinen Werken in Form von Filmen, Büchern oder Bildern. Ich könnte hier eine lange Liste von Namen aus der Geschichte oder gegenwärtiger Medienwelt vorstellen. Eine Namensliste aus der Geschichte menschlicher Kultur, Politik und Wissenschaft. Eine Liste von Künstlern, die in der Hölle eigenen Daseins Werke geschaffen haben, die uns bis heute bezaubern, nachdenklich machen und verändern.
Wenn jetzt jemand beim Lesen sagt, dass das alles ein Widerspruch ist, hat er Recht. Es ist einer. Widerspruch ist nämlich der Kern der Borderline-Struktur der Persönlichkeit: Spiritus movens und gleichzeitig ein Ballast, der dem Menschen auf dem Drahtseil nicht erlaubt, von dort wegzugehen.
Darüber wie wir mit unseren Mitmenschen, die sich auf dem schmalen Pfad zwischen Wirklichkeit und Illusion befinden, umgehen sollen oder zusammen leben sollen, schreibe ich ein anderes Mal. Hier wollte ich nur bildlich eine "Störung" in der menschlichen Persönlichkeitsstruktur vorstellen, nichts weiter.
Es handelt sich hier nämlich nicht um ein Randphänomen. In Deutschland schätz man die Zahl von Borderline-Menschen auf ca. 2 Millionen. Für mich ist das ein Hinweis auf eine Entwicklung der Gesellschaft, in der wir leben, und stellt mich vor die Frage: Was ist normal und was nicht?
Christoph Domagalski