Die Betroffenen
"Es ist ein Merkmal aller Depressiver, dass sie versuchen, so lange wie nur möglich die äußerer Fassade "Alles in Ordnung" aufrecht zu erhalten."
Ich quäle mich durch den Alltag: "Sei tapfer, reiß Dich zusammen, Du schaffst es schon, lass Dir nichts anmerken, Deine Familie braucht Dich ... Leistungsfähig, unternehmungslustig, fröhlich, tragfähig und selbstdizipliniert mußt Du sein ... Betrachte das Schöne, denke positiv ..." so rede ich mir selber zu. Ich setze eine Maske auf, lächle nach außen und gebe mich freundlich. Eine gute Mutter möchte ich sein, die Kinder sollen unbeschwert aufwachsen. Ich übe meinen Beruf aus, besorge den Haushalt. Übermenschlich ist die Anstrengung, da die Verzweiflung alle Kraft frisst."
Bei mir hat es ganze 7 Jahre gedauert, bis ein Arzt erkannte, dass ich an schweren Depressionen leide. Bei mir wurde es früher als "schlecht gelaunt" oder "die ist nicht gut drauf" ausgelegt. Dabei wollte ich das alles gar nicht. Gut ich bin schon immer ein wenig launisch gewesen, aber ich hätte nie gedacht, dass ich Depressionen habe. Aber so ist es nun mal, und der wichtigste Schritt war für mich, dass ich diese Tatsache akzeptiert habe. So lange man nicht glauben will, und es auch nicht akzeptieren kann, dass man tatsächlich unter Depressionen leidet, so lange kann man auch nicht hoffen, dass es einem irgend wann besser geht.
Im ersten Moment, als mein Arzt mir die Diagnose stellte, fand ich das sogar lächerlich. Ich doch nicht, ich war doch immer so stark, so unnahbar. An mich konnte doch nichts rankommen. Aber genau das war mein Trugschluß, denn all die Jahre hatte ich eine Maske auf, die ich aufsetzte, wenn ich nicht die anderen Menschen an mich heran kommen lassen wollte. Ich spielte dann den Menschen etwas vor, überspielte meine Probleme, von denen ich weiß Gott genug habe. Aber dann geriet ich auch wieder in solche Stimmungen, wo ich mir sagte:"Was willst Du eigentlich, Dir geht es doch gut, Du hast zu essen, hast ein Dach überm Kopf, hast einen Job und sogar ein eigenes Auto - und andere? Anderen geht es sehr viel schlechter als mir, denke ich nur mal an die vielen Obdachlosen, oder an die Kinder in der dritten Welt. Da bekam ich ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich mich von meinen "kleinen" Problemen so unterkriegen lasse.
Aber letzten endes messen sich die meisten Menschen doch immer an ihren eigenen Probleme. Der Horizont des modernen Menschen ist sehr begrenzt, unsere Gesellschaft ist anonym geworden, jeder schaut sich nur auf die eigenen Schuhspitzen.
So weit ich mich noch erinnern kann, hat die ganze Sache vor ca. 7 Jahren angefangen, ich hatte damals schon massive Probleme, zu denen ich noch später kommen werde. Ich hatte starke Kopfschmerzen, mein damaliger Hausarzt meinte ich hätte Migräne. Ich hatte nach 1 Jahr eine Odysse an Untersuchungen hinter mir. Ich versuchte verschiedene Medikamente, nichts half. Sogar auf Akupunktur hatte ich dann irgend wann zurück gegriffen, aber das verschuf mir auch nur für kurze Zeit eine Linderung. Wer unter starken Kopfschmerzen leidet, der versteht mich sicherlich. Irgendwann verschrieb mir mein Arzt das Medikament DHC 90. (ein sehr starkes Schmerzmittel - ein Opiat, das eigentlich Drogenabhängigen gegeben wird, damit sie von ihre Drogen loskommen) Gut - also nahm ich dieses Zeug 7 Jahre lang. Regelmäßig holte ich mir von meinem Hausarzt ein neues Rezept, das er mir auch ohne lang zu fragen ausstellte. Irgendwann in diesem Jahr mußte ich dann durch einen Umzug auch den Arzt wechseln. Von diesem wollte ich dann natürlich auch ein Rezept haben. Dieser Arzt, ich verdanke ihm sehr viel, sah mich nur ungläubig an und fragte mich, ob das tatsächlich mein Ernst sei, dass ich dieses Zeug schon über so viele Jahre nehmen würde. Na klar war das mein Ernst. Nach langen Sitzungen mit dem Arzt entschied ich mich zu einer Entziehung, da ich mittlerweile von diesem Zeug abhängig war. Dieser Arzt diagnostizierte dann auch nach diesen langen Unterhaltungen, dass ich unter schweren Depressionen leide. So fügte sich mein Puzzle so langsam in ein ganzes Bild zusammen.
Denn der schwere Teil sollte erst noch kommen.